Exodus

Ramazan Kemal Kulaksız

Ein grauer Schleier legt sich über die kafkaeske Stadt. Vereinzelte Schneeflocken schweben in der Luft. Ailos steht vor mir, verschmäht mich und bläst wie ein Orkan. Wasser füllt die Augen. Tränen kullern die blassen Wangen herab. Ich ziehe den Mantel fester. Die Nähte spannen. Kälte bahnt sich ihren Weg durch Stoff und Fleisch.

Ich pilgere die Landstraße entlang, der Weg beruhigt mich für gewöhnlich, aber diesmal vermag er das stürmische Herz nicht zu beschwichtigen. Ein unbendigbares Feuer ist entbrannt und glüht mein Inneres aus. Zu meiner Linken Renaissance, zu meiner Rechten Barock. Ich gehe an einer marmornen Denkmalplatte vorbei. Graubraune Adern durchziehen sie. Eine eiserne Kugel steckt in ihr – eine Türkenkugel. Mit gesenktem Haupt setze ich den Gang der Schande fort. Schritte werden träge.

 

Die Abenddämmerung bricht über Wien Mitte ein und die Laternen im Stadtpark leuchten flimmernd auf. Feiste Ratten fiepen in den Büschen, huschen hin und her. Unwillkürlich imaginiere ich den Schwarzen Tod. Der Weg führt mich durch den Karsplatz zum Burgring. Obwohl hier viele Menschen schlendern und flanieren, sehe ich sie nicht. Verstand und Herz trüben meine Sicht.

 

Monumentale, sich nach oben hin verjüngende Säulen bäumen sich auf. Korinthische Kapitelle zeigen spottend mit ihren Akanthusblättern auf mich. Eingeknickt versuche ich, der Marter zu entfliehen, aber ein Reiter versperrt mir den Weg: das Prinz-Eugen-Denkmal. Sein Pferd ist kurz davor, den Sichelmond zu zertrampeln. Ich stehe direkt unter ihm, die harten Hufen dräuen mir. Fluchtartig verschwinde ich in einem der Torbögen der Hofburg. Schutzsuchend schleiche ich durch die verwinkelten Gassen. Glocken ertönen trommelfellberstend. Offene Handflächen drücken sich gegen die erröteten Ohren und ich sinke auf die Pflastersteine nieder. Ein stummer Schrei zerreißt die ausgedörrten Stimmbänder. Klangkörper verhallen. Der Schnee bleibt liegen. Die Knöpfe vom Mantel rollen auf dem Asphalt und stürzen sich durch den Spalt der Kanaldeckel in den Tod. Eine prachtvolle Kutsche fährt vorbei. Rosse verrichten ihre Notdurft. Was bin ich wert?

 

In den grauen Himmel ragt das Meisterwerk der Gotik: der Stephansdom. Die Statuengruppe an der Außenseite, zeigt den Heerführer Giovanni da Capistrano, wie er auf einem Janitscharen steht und seine Kreuzfahne in die Seite des Türken sticht. Seine Fahne perforiert mich, verheddert sich in den Eingeweiden. Vor meinen Augen flackert es schwarz, eine Ohnmacht versucht zu übermannen. Asyl! Asylsuchend stürze ich mich in die Kathedrale. Sie ist leer. Weihrauch hängt in dicken Rauchschwaden in der Luft. Gleißendes Licht fällt durch die bunten Fenstergläser und bricht sich an den Staubpartikelchen. Der Raum ist von einer edenischen Wonne ohnegleichen penetriert. Draußen herrscht derweil Nacht, aber woher kommt das Licht?

Ich nehme auf einer Bank Platz, inmitten vom liebkosenden Kerzenschein. Wo bin ich? Eine Wärme aus den tiefsten Winkeln meines Herzens taut die gefrorenen Knochen wieder auf. Lange starre ich in die leidgetränkten Augen der Madonna und auf den Nimbus des Jesuskindes. Liebe und Leid - in ihrer gediegensten Form – blicken auf mich herab. Erregt wandern meine Finger über die Bank und kommen an einer glatten Oberfläche an. Feuerrot glüht ein praller Apfel neben mir. Ist er zuvor schon auf der Bank gewesen? Ich beiße ihn an. Er ist süß wie Nektar. Das Paradies kandiert meine Zunge. Ich blicke auf den Apfel und ein Wurm schlängelt sich heraus. Angewidert lege ich ihn zurück auf die Bank. Mit der süßlichen Note kommt die Eingebung: Liebe und Leid, ein unausgesprochener Eid. Das Eine ohne das Andere, das Andere ohne das Eine, schier unmöglich. Mit Erkenntnis geschwängertem Geist schreite ich durch das eiserne Tor hinaus. Die Statuengruppe, der Reiter und die Kugel begrüßen mich barmherzig. Ich ziehe die Kreuzfahne aus meinen Eingeweiden. Genesis.


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